TATSÄCHLICH

Syrischer Solitaire: Krieg, Diplomatie und Einflussverteilung

Es ist schwierig, den bewaffneten Konflikt in Syrien in den Rahmen traditioneller Konfrontationen einzuordnen. Wie der Politologe Ihar Tyshkevich betont, ist die Situation hier viel komplizierter als bei einer einfachen Konfrontation „für Assad“ oder „gegen Assad“. Der Syrienkonflikt ist ein vielschichtiges Gewirr interner und externer Interessen, das weiterhin die Dynamik der Ereignisse in der Region bestimmt.

Der syrische Bürgerkrieg sei zu einer Arena geworden, in der „jeder gegen jeden kämpfte“. An diesem Konflikt waren mindestens ein Dutzend politische und militärische Gruppen beteiligt, die sich irgendwann alle gegen einen gemeinsamen Feind, den Islamischen Staat (IS), zusammenschlossen. An der Konfrontation waren auch zahlreiche ausländische Staaten beteiligt, darunter Russland, Iran, die Türkei, die USA und Großbritannien, die sowohl am Boden als auch aus der Luft agierten. Die meisten Feindseligkeiten endeten jedoch in politischen Vereinbarungen, die die Koexistenz unterschiedlicher Gruppen auf demselben Territorium zwangen. So ist beispielsweise in der nördlichen Region eine türkische „Proto-Staat“-Zone entstanden, die autonom von Syrien aus funktioniert, während die Kontrolle über Syrisch-Kurdistan im Osten verbleibt.

Die Türkei spielt in dem Konflikt eine wichtige Rolle. Ihre Tätigkeit wird nicht nur von dem Wunsch bestimmt, sich dem IS oder kurdischen Kräften entgegenzustellen, sondern auch von dem Wunsch, ihren Einfluss in der Region zu stärken. Die Kontrolle der syrischen Turkmenen und die Eindämmung der Expansion Syrisch-Kurdistans sind zentrale Aufgaben für Ankara. Die mögliche Entstehung eines kurdischen Staates wäre eine Bedrohung für die Türkei, was ihre Militäroperationen wie „Olivenzweig“ erklärt. Die aktuellen Kämpfe deuten auf eine neue Runde der Spannungen hin. Die Streitkräfte von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) starteten eine Offensive und eroberten Aleppo, eine strategisch wichtige Stadt. Der Erfolg der HTS ging einher mit der Tätigkeit der „Syrischen Nationalarmee“ (SNA), die gegen die kurdischen Streitkräfte kämpft. Dies deutet auf die Absicht der Türkei hin, ihre Position in der Region zu stärken und gleichzeitig sowohl die Kurden als auch die iranischen Stellvertreter zu schwächen.

Die Umsetzung eines solchen Szenarios wird zu einer Schwächung der Position Irans sowie zu einem teilweisen Rückgang des Einflusses Russlands führen. Stattdessen kann die Türkei mit der Bildung eines neuen „Protostaates“ mit der Hauptstadt Aleppo beginnen. Die kurdischen Streitkräfte stehen unter Druck und stellen die Zukunft ihrer Enklave im Norden in Frage.

Die nächste Phase des Konflikts sind politische Konsultationen über die künftige Struktur Syriens. Die Türkei will ihre Erfolge nutzen, um weitere Zugeständnisse zu gewinnen. Eine friedliche Lösung scheint jedoch aufgrund der zahlreichen widersprüchlichen Interessen der beteiligten Parteien in weiter Ferne.

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